Erst wollte keiner hin: Wie Wien seinen Zentralfriedhof rettete
Wien wuchs im 19. Jahrhundert rasant, die vorhandenen Friedhöfe reichten langfristig nicht mehr aus. Deshalb entstand weit außerhalb der damaligen Stadtgrenzen ein Zentralfriedhof mit gewaltigen Dimensionen. Am 1. November 1874 wurde die Anlage eröffnet, Jakob Zelzer war der erste hier bestattete Wiener. Begeisterung löste der neue Gottesacker trotzdem nicht aus. Der Weg nach Simmering war lang, die Verkehrsanbindung schlecht und das Gelände noch weit entfernt von seinem heutigen parkähnlichen Erscheinungsbild. Wien hatte damit zwar reichlich Platz für seine Toten geschaffen, nur bei den Lebenden hielt sich die Begeisterung für den neuen Bestattungsort zunächst in engen Grenzen.
Der Wiener Gemeinderat begann deshalb, den Zentralfriedhof gezielt aufzuwerten. Berühmte Persönlichkeiten sollten dort repräsentative Grabstätten erhalten. Dabei wartete man nicht darauf, dass die Prominenz irgendwann von selbst nach Simmering kam. Bereits Verstorbene wurden exhumiert und auf den Zentralfriedhof überführt. Zu den berühmtesten Beispielen gehören Ludwig van Beethoven und Franz Schubert. Beide waren ursprünglich auf dem Währinger Ortsfriedhof bestattet und wurden 1888 umgebettet. Auch Johann Strauss Vater und Joseph Lanner fanden auf diese Weise ihre neue letzte Ruhestätte. Aus heutiger Sicht mutet das wie frühes Wiener Standortmarketing an: Wenn die Lebenden den neuen Friedhof nicht attraktiv genug fanden, mussten eben prominente Tote nachhelfen. Beethoven konnte sich gegen den Umzug jedenfalls nicht mehr beschweren.
Die prominenten Grabstätten waren allerdings nur ein Teil der Entwicklung. Auch die Erreichbarkeit des weit außerhalb gelegenen Friedhofs wurde verbessert. 1881 erhielt die Aspangbahn eine Haltestelle beim Zentralfriedhof, später folgte die Straßenbahn mit heute 3 Haltestellen an der Strassenbahnlinie 71. Die Verbindung wurde so eng mit dem Friedhof verbunden, dass sich in Wien sogar die Redewendung „mit dem 71er fahren“ als Umschreibung für den letzten Weg etablierte. Gleichzeitig wurde die Anlage architektonisch weiterentwickelt. Zwischen 1908 und 1911 entstand nach Plänen von Max Hegele die heutige Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus. Aus dem zunächst wenig beliebten Zweckfriedhof entwickelte sich Schritt für Schritt eine monumentale Anlage, die längst nicht mehr nur von Trauergästen besucht wird.
Heute umfasst der Wiener Zentralfriedhof rund 2,5 Quadratkilometer und zählt etwa drei Millionen Verstorbene. Neben Beethoven, Schubert und der Strauss-Dynastie fanden Politiker, Wissenschaftler, Schauspieler und Künstler hier ihre letzte Ruhestätte. Auch Falcos Grab gehört inzwischen zu den häufig besuchten Orten. Interessant wird der Zentralfriedhof aber gerade abseits der großen Ehrengräber. Das Familiengrab der Jellineks führt beispielsweise mitten in die Geschichte der Automarke Mercedes, andere Grabstätten erzählen von Wissenschaft, Politik und Wiener Alltagsleben. So wurde ausgerechnet jener Friedhof, zu dem anfangs kaum jemand wollte, selbst zu einer Sehenswürdigkeit, einem touristischen Hotspot. Heute kommen Menschen aus aller Welt freiwillig nach Simmering – eine Entwicklung, mit der die Stadtverwaltung 1874 vermutlich sehr zufrieden gewesen wäre.
Abseits der bekannten Ehrengräber erinnert ein unscheinbarer Gedenkort an eine frühe Katastrophe der österreichischen Luftfahrt. Am 20. Juni 1914 kollidierten bei Fischamend das k.u.k.-Militärluftschiff M.III „Körting“ und ein Farman-Doppeldecker. Beide Luftfahrzeuge stürzten ab, alle neun Insassen kamen ums Leben. Vier Tage später wurden die Opfer auf dem Wiener Zentralfriedhof gemeinsam beigesetzt. Während der Trauerfeier überflogen Flugzeuge den Friedhof und warfen Blumen auf die Grabstätte. Das Unglück geriet bald darauf in den Schatten der Weltgeschichte: Nur acht Tage nach der Katastrophe fielen in Sarajevo die tödlichen Schüsse auf Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie. Wenige Wochen später begann der Erste Weltkrieg. Der heute von hohen Lebensbäumen umgebene Gedenkstein ist leicht zu übersehen.